03.07.2020

Szenariorahmen 2035: Geringe Ambitionen bei der Stromnetzplanung

Der neue Szenariorahmen 2035 der vier Übertragungsnetzbetreiber (nachfolgend: ÜNB), der unterschiedliche Szenarien für die Stromnetzplanung bis 2035 vorgibt, wurde von der Bundesnetzagentur (nachfolgend: BNetzA) genehmigt. Zahlreiche Vorschläge der ÜNB wurden dabei deutlich nach unten korrigiert. Die ambitionierten Klimaschutzziele, die sich Deutschland im Kampf gegen den Klimawandel gesetzt hat, dürften mit diesen Vorgaben nur schwer zu erreichen sein.

Hintergrund

Der Szenariorahmen für die Stromnetzplanung wird von den ÜBN vorgeschlagen. Durch ihn werden Szenarien vorgegeben, nach denen sich die Stromnetzplanung richtet. Im Januar 2020 legten die ÜBN ihren Entwurf zur Genehmigung der BNetzA vor. Die BNetzA nahm eine Vielzahl von Änderungen vor und genehmigte den Szenariorahmen 2021 – 2035 schließlich in der korrigierten Fassung am 26. Juni 2020.

Die wichtigsten Aussagen

Der Szenariorahmen 2035 untersucht drei Entwicklungspfade für das Jahr 2035 (A 2035, B 2035 und C 2035) sowie einen Entwicklungspfad bis 2040 (B 2040). Das Szenario A geht dabei von einer niedrigen Elektrifizierung und von einem niedrigen Netzbedarf aus, während das Szenario C eine hohe Elektrifizierung und einen hohen Netzbedarf zugrunde legt. Das Szenario B liegt zwischen diesen beiden Entwicklungspfaden und bildet das Hauptszenario ab.

Der Rahmen geht insbesondere auf den Ausbau der Erneuerbaren Energien ein. Dabei legt er jedoch die Annahmen zum Ausbau signifikant niedriger an, als von den ÜNB vorgesehen. So liegt die erwartete Leistung im Hauptszenario im Jahr 2035 bei 117,8 Gigawatt durch Solarkraftwerke, 86,8 Gigawatt durch Wind onshore und 30 Gigawatt durch Wind offshore. Dagegen hatte der Entwurf der ÜNB noch 119 Gigawatt durch Solarkraftwerke und 90 Gigawatt durch Wind onshore vorgesehen. Der geplante Anteil der Erneuerbaren am Bruttostromverbrauch, der im Jahr 2035 bei 75 Prozent liegen sollte, wurde damit auf 72,9 Prozent nach unten korrigiert. Ob es mit diesen Annahmen gelingen wird, bis 2050 die Klimaneutralität des Stromsektors zu erreichen, ist zweifelhaft.

Auffällig ist zudem, dass die BNetzA den erwarteten Bruttostromverbrauch deutlich niedriger ansetzte, als von den ÜBN ursprünglich vorgesehen. Diese waren von 670 Terawattstunden im Jahr 2035 ausgegangen, die BNetzA legte dagegen nur 656,9 Terawattstunden zugrunde.

Dafür steigt nach dem Szenariorahmen der BNetzA die Power-to-Gas-Leistung stärker, als im Entwurf der ÜNB vorgesehen. Vor dem Hintergrund der Wasserstoffstrategie der Bundesregierung werden in diesem Bereich beträchtliche Entwicklungen erwartet.

Der Szenariorahmen sieht darüber hinaus in zwei Szenarien vor, dass bis 2035 keine Kohlekraftwerke mehr am Netz sind. Der Kohleausstieg soll nach den Plänen der Bundesregierung bis spätestens 2038 erfolgen, nach Möglichkeit aber bereits 2035 verwirklicht werden. Damit geht der Rahmen an dieser Stelle über das hinaus, was die Politik derzeit vorgibt.

Kritik erfuhr der Szenariorahmen 2035 insbesondere für seinen Ansatz. Bis 2050 soll Deutschland – und damit auch das Stromnetz – klimaneutral werden. Dementsprechend war beispielsweise vom Öko-Institut e.V. gefordert worden, von diesem Ziel aus eine Rückrechnung durchzuführen, um den Entwicklungspfad für 2035 zu bestimmen. Eine solche „Top-Down-Rückrechnung“ lehnte die BNetzA jedoch ab.

Ausblick

Auf der Grundlage des Szenariorahmens müssen die ÜNB nun bis zum Jahresende den Netzentwicklungsplan Strom 2035 erarbeiten. Auch dieser Entwurf ist bei der BNetzA einzureichen. Es bleibt abzuwarten, wie die ÜNB die Vorgaben des Szenariorahmens nun konkret umsetzen werden.

Autorenzitate

Dr. Gernot-Rüdiger Engel: „Der Szenariorahmen 2035 bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Insbesondere bei den Erneuerbaren Energien legt die BNetzA sehr niedrige Werte zugrunde. Ob auf diesem Wege die Klimaschutzziele zu erreichen sind, bleibt abzuwarten.“

Ekkehard Hübel: „Der große Wurf ist der BNetzA mit dem Szenariorahmen 2035 nicht gelungen. Für den Kohleausstieg werden ambitionierte Pläne vorgesehen, ansonsten ist der Rahmen jedoch zu zögerlich. Ein schlüssiges Konzept ist damit nicht entstanden.“

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