17.03.2026
Als Managing Director der neu gegründeten Luther Public Services GmbH berät Uwe Gerstenberg öffentliche Auftraggeber und Unternehmen mit hoher Sicherheitsrelevanz an der Schnittstelle von Staat, Wirtschaft und Kritischer Infrastruktur. Im ersten Teil des Interviews spricht er über aktuelle sicherheitsrelevante Problemfelder, die Sicherheitsagenda der Zukunft und sein Verständnis eines „360 Grad Sicherheitsdenkens“ in einer „virealen“ Welt.
Sicherheit und Public Services: Wo sehen Sie aktuell die größten sicherheitsrelevanten Problemfelder im Zusammenspiel von Staat, Kommunen, Kritischer Infrastruktur und privatwirtschaftlich erbrachten öffentlichen Leistungen? Wo besteht akuter Handlungsbedarf?
Wir bewegen uns heute in einem hochkomplexen Sicherheitsökosystem, in dem Staat, Kommunen, Betreiber Kritischer Infrastrukturen und private Dienstleister immer enger miteinander verflochten sind. Ein erheblicher Teil der kritischen Infrastruktur liegt inzwischen in privaten oder teilprivaten Händen, während staatliche und kommunale Strukturen traditionell auf hoheitliche Aufgaben fokussiert sind. Diese Welten greifen sicherlich noch zu selten nahtlos ineinander.
Gleichzeitig nimmt die Bedrohungslage spürbar zu: Cyberangriffe werden professioneller, gezielter und häufig staatlich unterstützt, geopolitische Spannungen verstärken diese Dynamik, und die Angriffsfläche wächst durch Digitalisierung, IoT, Smart-City-Lösungen und Cloud-Services kontinuierlich. Die Geschwindigkeit dieser technologischen Entwicklung übersteigt häufig die Fähigkeit öffentlicher Institutionen, ihre Schutzmechanismen rechtzeitig anzupassen.
Besonders auf kommunaler Ebene zeigt sich der Fachkräftemangel deutlich. Dort fehlt oft die Kapazität, um grundlegende Sicherheitsaufgaben – Patch-Management, Monitoring, Notfallübungen – laufend abzudecken. Parallel dazu erzeugen komplexe Lieferketten und Dienstleisterstrukturen neue Abhängigkeiten und Intransparenz: Häufig ist gar nicht eindeutig erkennbar, wo die eigentlichen Risiken liegen.
Der akute Handlungsbedarf ergibt sich deshalb weniger aus einem einzelnen dominierenden Problemfeld als aus einem Geflecht miteinander verknüpfter Schwachstellen. Was fehlt, ist ein durchgängiges, abgestimmtes Sicherheitsverständnis mit klaren Verantwortlichkeiten, Standards und technischen Anforderungen – über alle Ebenen hinweg.
Kurz gesagt: Wir brauchen klare Governance, moderne Sicherheitsarchitekturen, verbindliche Standards – und eine echte Kultur der Zusammenarbeit, wenn dieses Gesamtsystem widerstandsfähig werden soll.
Ihre Schwerpunkte reichen von Corporate Security Management über Kritische Infrastrukturen und öffentliche Sicherheit bis hin zu Wirtschaftsschutz und ziviler Verteidigung. Welche Themen werden in den kommenden Jahren besonders an Bedeutung gewinnen – und warum?
Ich sehe fünf Themen, die in den kommenden Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen werden:
Die Sicherheitsagenda der Zukunft konzentriert sich damit auf Resilienz, Vernetzung und die Sicherung zentraler gesellschaftlicher Funktionen. Kein Akteur wird diese Herausforderungen allein bewältigen können – Staat, Wirtschaft und Gesellschaft müssen enger zusammenarbeiten, als wir es bisher gewohnt sind.
Sie stehen für ein „360 Grad Sicherheitsdenken“ in einer zunehmend „virealen“ Welt. Was verstehen Sie darunter – und wie verändert diese Verschmelzung von physischer und digitaler Welt die Sicherheitsarbeit in Verwaltung und Unternehmen?
Unter „360 Grad Sicherheitsdenken“ verstehe ich einen ganzheitlichen Ansatz, der physische Sicherheit, digitale Sicherheit und organisatorische Resilienz als zusammenhängendes Gesamtsystem begreift. In einer „virealen“ Realität – also einer Welt, in der physische und virtuelle Räume ineinander übergehen – ist das unverzichtbar.
Es reicht nicht mehr, Risiken in einzelnen Silos zu betrachten. Wir müssen entlang der gesamten Wertschöpfungskette und über alle Schnittstellen hinweg denken: vom Gebäudezugang bis zur Cloud-Architektur, von der Zutrittskontrolle bis zum Identitätsmanagement, vom physischen Betriebsmittel bis zur vernetzten IoT-Komponente.
Sicherheit ist keine rein technische Disziplin, sondern das Ergebnis eines systemischen Zusammenspiels von Technologie, Organisation, Prozessen und Menschen. Je stärker physische und digitale Realitäten verschmelzen, desto wichtiger wird eine integrierte Bewertung von Risiken und Schutzmaßnahmen.
Für Verwaltung und Unternehmen bedeutet das: vernetzter denken, schneller reagieren und Sicherheit als kontinuierlichen, strategischen Prozess begreifen – nicht als einmaliges Projekt oder reines Compliance-Thema.
Uwe Gerstenberg
Managing Director | Public Services
Essen
uwe.gerstenberg@luther-ps.com
+49 201 3841 14064