16.02.2026

Neue Entwicklungen im Logistikbereich: Insolvenzen bei Kunden und Logistikdienstleistern

Insolvenzen bei Logistikdienstleistern

Der deutsche und europäische Logistikmarkt steht in 2026 vor einer der komplexesten Phasen seit der Finanzkrise 2008/2009. Während digitale Transformation, Automatisierung und Nachhaltigkeitsanforderungen weiter voranschreiten, überschatten Insolvenzen bei Kunden und Logistikdienstleistern die Branche – nicht als sporadische Ausnahmen, sondern als strukturelle Herausforderung zusätzlich zu den ohnehin starken Schwankungen und lahmender Wirtschaft. Dieser Beitrag beschreibt die aktuelle Lage, die zugrunde liegenden Ursachen und die konkreten Auswirkungen für Akteure in der Logistik.

Hintergrund
1. Insolvenztrends: Zahlen sprechen eine klare Sprache

Die Anzahl der Insolvenzen von Logistikdienstleistern in Deutschland ist seit 2024 um fast 20 % angestiegen – ein Wert, der erstmals seit 2012 wieder bei über 1.000 Insolvenzen pro Jahr liegt. Dabei handelt es sich nicht nur um kleine Speditionen, sondern auch um mittelständische Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern und etabliertem Kundenstamm.

Noch alarmierender ist die Entwicklung bei den typischen Kunden der Logistikbranche: Hier stiegen die Insolvenzen von Handels- und Produktionskunden – also jenen, die Logistikdienstleistungen beauftragen – um deutlich mehr als 20 %. Besonders betroffen sind:

  • Einzelhändler (insbesondere Textil, Elektronik, Möbel): Durch Überkapazitäten, Preisdruck und sinkende Nachfrage nach physischen Produkten.
  • Produzenten von Konsumgütern mit hohen Energiekosten und Lieferkettenabbrüchen.
  • E-Commerce-Player mit schlechter Profitabilität, die auf Subventionen und Kapitalmarktfinanzierungen angewiesen waren – und nun keine weiteren Investoren mehr finden.

Zwei Beispiele: Im ersten Quartal 2025 ging der Online-Möbelhändler *WohnLux* insolvent – ein Kunde von drei regionalen Speditionen und einem nationalen Expressdienstleister. Die Logistikpartner hatten bereits Monate vor der Insolvenz Zahlungsverzögerungen erlebt. Mit Eröffnung des Insolvenzverfahrens wurden die Logistikverträge gekündigt. Ein weiteres Beispiel aus 2024: Der Textileinzelhändler Esprit meldete Insolvenz an und schloss im Folgenden alle seine Geschäfte. Dementsprechend verlor auch das noch nicht lange zuvor in Betrieb genommene Logistikzentrum seine Daseinsberechtigung, wurde geschlossen und die aufwändige Logistiktechnik zum Schrottpreis veräußert.

2. Gründe:
  • Inflation, Zinsen und Kostendruck
    Die Zinserhöhungen infolge der steigenden Inflation haben nicht nur Kredite teurer gemacht, sondern auch die Finanzierung von Lagerbeständen und Transportkapazitäten erschwert. Logistikunternehmen, die ihre Fahrzeugflotten finanziert haben oder Lager angemietet haben, stehen unter enormem Kostendruck. Ganz zu schweigen von den sprunghaft gestiegenen Energie- und Kraftstoffpreisen. Gleichzeitig sind die Margen in der Logistik traditionell sehr gering. Und die Logistikunternehmen können ihre Preise nicht der Bedeutung und den Kosten angemessen anheben, da auch die Kunden mit sinkenden Margen zu kämpfen haben.
  • Überkapazitäten im Markt
    Nach der Pandemie expandierten viele Logistikdienstleister – oft finanziert durch Kredite – in Erwartung eines rasanten Anstiegs im Bereich E-commerce. Tatsächlich ist die Nachfrage jedoch eher statisch oder sogar zurückgegangen, da im Hinblick auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung eher Kaufzurückhaltung herrscht. Geblieben sind aber die hohen Fixkosten und Verträge ohne vernünftige Absicherung der fixen Kosten. Das Ergebnis: Ein Markt mit zu vielen Anbietern, zu wenig Aufträgen und einem starken Preiswettbewerb. Die Margen schrumpfen – und mit ihnen die Zahlungsfähigkeit.
  • Fehlende Risikomanagement-Strategien
    Viele Logistikunternehmen – besonders mittelständische – haben kein professionelles Forderungsmanagement. Sie akzeptieren lange Zahlungsziele von 90–120 Tagen ohne konkrete Bonitätsprüfung und verlassen sich auf „Vertrauen“. Die Folge: Wenn ein Kunde Insolvenzantrag stellt, sind die teilweise hohen Außenstände nicht oder nicht ausreichend abgesichert.
3. Was ist zu tun
  • Konsolidierung ist unvermeidlich
    Große Player wie DHL, DSV / DB Schenker oder Kuehne + Nagel aber auch etablierte Mittelständler wie Fiege gewinnen Marktanteile – nicht nur durch Skaleneffekte, sondern auch durch bessere Risikosteuerung und eine höhere Marktmacht. Kleine und mittlere Unternehmen, die nicht digitalisieren, nicht diversifizieren und keine Risikovorsorge betreiben, werden übernommen oder vom Markt genommen.
  • Forderungsabsicherung
    Zwar stehen im Logistikbereich bereits gesetzliche Pfandrechte (und damit Sicherheiten) zur Verfügung: Das Frachtführerpfandrecht (§ 440 HGB); das Spediteurspfandrecht (§ 464 HGB); und das Lagerhalterpfandrecht (§ 475b HGB). Diese Pfandrechte werden von den Kunden aber zum einen häufig abbedungen („Marktmacht“) und zum anderen sind sie nur so viel wert, wie die vorhandene Ware noch einen Wert hat. Schließlich sind die dem Pfandrecht unterliegenden Waren häufig nur unter einfachem Eigentumsvorbehalt geliefert. Nicht abschließend geklärt ist die Frage, ob und wann das Eigentumsrecht hier dem Sicherungsrecht vorgeht. Oft wird auch übersehen, dass bestimmte Waren durch den Logistiker gar nicht vertrieben werden können, z. B. mangels Erlaubnis bei Arzneimitteln oder auch bei speziellen Ersatzteilen). Besser ist da eine Forderungssicherung durch Versicherungen (z. B. Allianz Trade (ex Euler Hermes), Coface). Die Prämien sind zwar gestiegen (von 0,3 % auf 0,8–1,5 % der Forderungssumme), aber im Vergleich zu einem existenzbedrohenden Forderungsausfall ist dies das geringere Übel.
  • Verträge optimieren
    Die Allgemeinen Deutschen Speditionsbedingungen (ADSp) bieten leider nur einen begrenzten Schutz. Es ist daher ratsam, die ADSp durch individuelle Vereinbarungen zu ergänzen (z. B. Bürgschaften, Sicherungsübereignung, kurze Zahlungsziele, kurze Abrechnungsintervalle, Teilvorkassen für fixe Kosten). Die Vereinbarung von Vorkasse bietet sich bei Kunden an, die schon gefährdet sind – auch wenn sich Vorkasse häufig nicht durchsetzen lassen wird. Zudem kann man vertragliche „Frühwarnsysteme“ vereinbaren, bei denen Zahlungsziele und Absicherungen abhängig von der Bonität sind. Ohne Sicherheiten wird man in einem Insolvenzfall lediglich an der Quote (in der Regel 5-15%) teilnehmen. Die Auszahlung erfolgt häufig auch erst bei Abschluss des Verfahrens, Jahre nach dem Insolvenzantrag. Die Insolvenz nur eines einzigen Kunden kann deshalb die Leistungsfähigkeit für alle anderen Kunden gefährden („Domino-Effekt“).
  • Kundenmanagement
    In einer idealen Welt, wäre es wünschenswert für jeden Neukunden vor Auftragsannahme ein Risikoprofil anhand der frei verfügbaren Datenbanken zu erstellen. Im echten Leben wird dies nicht immer möglich sein. Trotzdem sollte zumindest ein Risikobewertungssystem im Unternehmen implementiert werden, was für jeden Kunden ausweist, wie die Zahlungsmoral ist (Skontozahler, Zahlung innerhalb der vereinbarten Frist, häufige Mahnungen notwendig etc.). Zeigt sich hierbei eine Verschlechterung, müssen geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Vertragliche Regelungen müssen dynamisch und flexibel sein, um geänderten Verhältnissen Rechnung zu tragen.
4. Fazit

In der Logistikbranche findet eine strukturelle Bereinigung statt. Die Branche wächst nicht mehr durch Expansion, sondern durch Effizienz. Wer weiterhin ausschließlich „auf Vertrauen“ arbeitet, wird scheitern. Wer Risiken ernst nimmt, sich professionalisiert und strategisch denkt, wird überleben – und sogar stärker aus dieser Phase hervorgehen.

Autor/in
Reinhard Willemsen

Reinhard Willemsen
Partner
München, Köln
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